Es soll Menschen geben, die der Kunst gern sehr nahe kommen. Im Museum Wilhelm Busch ist dies aktuell nicht so einfach. Seit kurzem wird der Besucher mit Absperrpfosten und Kordel auf Abstand gehalten. Kein Wunder. Schließlich ist bis Oktober ein Meisterwerk zu sehen, dem Hunderte Maler, Grafiker, Karikaturisten und Filmregisseure in den vergangenen 200 Jahren nachgeeifert haben.  „Der Nachtmahr“ heißt das Gemälde; Johann Heinrich Füssli ist der Mann, der diese Ikone der Schauerromantik  malte.

Der Nachtmahr ist ein grinsender Gnom, ein  spitzohriges Wesen aus der dunklen Geisterwelt. Wie auf einem Thron hockt er auf der Brust einer Schlafenden, die in einem weißen fußlangen Gewand scheinbar wehrlos auf ihrem Lager ausgestreckt liegt, die Arme wollüstig nach hinten über die Lehne gelegt. Im Hintergrund schaut ein blinder Pferdekopf durch den Vorhang. Als der Schweizer Füssli 1782 sein Bild zum ersten Mal in London ausstellte, sorgte die Darstellung erotischen Begehrens und einer skurrilen Traumwelt für einen Skandal. Schockierend, frivol, schrullig, urteilten die Besucher. Einige Kritiker forderten erzürnt, das Gemälde aus der Ausstellung zu entfernen. Doch schon damals zog eine Sensation auch ein größeres Publikum an. Füssli, von Haus aus Theologe, war von Stund an berühmt und sein Werk, das sich als Stich rasant verbreitete, auch jenseits britischer Grenzen Gesprächsthema in gebildeten Kreisen. Der Dichterfürst Goethe im fernen Weimar notierte in seinem Tagebuch,  Füssli sei ein genialer Manierist, der „parodire“.

F.K. Waechter hat sich als Narwal verkleidet

Füssli malte 1790/91 eine zweite Version, die nun (als Leihgabe des Frankfurter Goethe-Museums) mit zwei weiteren Originalen des Künstlers in der  Ausstellung  „Vom Sublimen zum Lächerlichen“ im Museum Wilhelm Busch (mit gebührlichem Abstand) zu sehen ist. Ergänzt werden die Werke durch 100 Gemälde, Handzeichnungen, Grafiken, Bücher und Filme, die dokumentieren, wie beliebt Füsslis Nachtmahr war und wie stark die groteske Verquickung  von Traum und Wahnsinn den Nerv der Zeit traf. Allein in den folgenden 30 Jahren erschienen mehr als 100 politische Karikaturen, die das Motiv aufgriffen, um die Herrschenden zu kritisieren. Einer der Bekanntesten war Honoré Daumier, ein scharfzüngiger Kritiker des französischen Königs, der gern schlafende  Zipfelmützenträger zeichnete, die von Alpträumen (zum Beispiel dem König als schwere Riesenbirne)  heimgesucht werden. Goya malte den Alp als einen Schwarm flatternder Nachteulen, die den verzweifelten Künstler bedrängen. In britischen Zeitungen erschienen Karikaturen, in denen Politiker im Schlaf von der Angst vor Wahlen gequält werden.

Die Ausstellung zeigt, dass die Faszination des „Nachtmahrs“ nicht im 19. Jahrhundert endete, sondern bis heute ungebrochen ist. Nicht nur unter Malern wie Horst Janssens, dessen Radierfolge „Alp“ zu sehen ist.  Auch in der Literatur, in der Musik und auf der Leinwand. Filmausschnitte von Murnaus „Nosferatu“ oder „Nachtmahr“ von Akiz variieren das Motiv des nächtlichen Besuchers, der sich vor allem weibliche Opfer sucht.

Das Dichters Wunschtraum: Der Meister verkauft seine Unterschrift für eine Mark

Wer nach dieser lehrreichen und unterhaltsamen Erkundung der Kunstgeschichte in die erste Etage wechselt, wird das Schmunzeln nicht verlernen. Eigentlich geht es in dieser zweiten Ausstellung um die Skizzen- und Notizbücher von F. K. Waechter, also um die „Werkstatt“ eines berühmten Karikaturisten, Autors und Dramatikers, der  im November dieses Jahres 80 Jahre alt geworden wäre. Seine Familie hat dies Datum zum Anlass genommen, dem Museum Wilhelm Busch bislang verwahrte Erinnerungsstücke, genaugenommen 82 Skizzenbücher und  Kladden, Mappen mit rund 100 Zeichnungen und einige Kunstobjekte und Gemälde zu schenken. Bereits 2008, drei Jahre nach dem Tod des Künstlers, wurde ein Großteil seines Nachlasses dem Museum übergeben. Das Museum bedankte sich mit der Ausstellung „Zeichenkunst“. Nun folgt „Zeichenlust“ mit 130 Werken.

Die Ausstellung erlaubt einen Blick auf jene Seiten des Künstlers, die eigentlich nicht fürs große Publikum gedacht waren. In seinen Heften notierte Waechter Erlebtes, Gesehenes und Erdachtes. Es sind Entwürfe für spätere Werke; aber auch Anekdoten, die festgehalten werden sollen. Ein Zwiegespräch des Künstlers mit sich selbst, augenzwinkernd, nachdenklich, nie ohne Humor. Manchmal in krakeliger, fast unleserlicher Schrift, weil er im Bus reist. Manchmal versponnen poetisch, wenn er am Strand notiert: „Die Sonne und ich hatten wieder viel Spaß miteinander.“ Auch nackte Hintern und Brüste werden skizziert.

F.K. Waechter startete seine Karriere als Grafiker  bei der Zeitschrift „Pardon“ in den sechziger Jahren. Es war die Zeit des Aufbegehrens, in der man sich gern als Kollektiv präsentierte. Unter dem Namen „Die Drei“ zeichneten, dichteten und parodierten F.K. Waechter, Robert Gernhard und F.W. Bernstein fast zwei Jahrzehnte lang gemeinsam.
Sie veröffentlichten das Buch „Die Wahrheit über Arnold Hau“,  erfanden die „Neue Frankfurter Schule“ und schufen sich 1979 mit der Satire-Zeitschrift „Titanic“ ein eigenes Forum. Seit 1980 trat Waechter auch allein auf und wurde zum Grenzgänger, der nicht nur als Karikaturist, sondern auch als Autor von Büchern („Es guckt wieder kein Schwein“) und Theaterstücken Erfolge feierte.

Die Ausstellung dokumentiert nicht nur die Lust am Nonsens, die Fabulierkunst des Witzemachers, sondern auch seine Skrupel, sich selbst als erfolgreichen Künstler zu würdigen. Die  Notizbücher sind nicht nur Stichwortsammlungen für spätere Zeichnungen,  sondern auch Selbstbildnisse.  Waechter hat nie aufgehört, sich selbst zu befragen – „wer bin ich?“. Die letzten Einträge in den Notizbüchern datieren aus dem Jahr 2005, als er im Sterben liegt.  „Kleinkariertes Sterben“ steht über einer Bleistiftzeichnung seines Kopfes. Ein paar Seiten weiter findet sich das Bild eines Grabsteins mit seinem Namen im Schatten eines Baums. Daneben ein kurzer Text über das Gefühl im Grab zu liegen und den Duft der Erde zu riechen. Selbst im Angesicht des Todes sucht er das Komische im Leben – „ich weinte vor Glück“.

Die folgenden Zeilen entweder einfach so hinten dran, können aber auch als Kasten extra erscheinen wenn das grafisch geboten ist:

„Füsslis Nachtmahr“ und „Zeichenlust“. Bis 15. Oktober im Deutschen Museum für Karikatur und Zeichenkunst Wilhelm Busch.

Zur Ausstellung „Füsslis Nachtmar“ ist im Michael Imhof Verlag ein bebilderter Katalog mit 248 Seiten erschienen, herausgegeben von den beiden Kuratoren Werner Busch und Petra Maisak. Der Katalog wurde gefördert vom Arbeitskreis selbstständiger Kulturinstitute (AsKI) und der Ernst von Siemens Kunststiftung. Er ist zum Preis von 27 Euro im Museumsshop erhältlich.

Und auch die Arbeiten von F.K. Waechter kann man mitnehmen. Auch zu dieser Ausstellung ist ein illustrierter Katalog mit 170 Seiten erschienen. Den  einführenden Text schrieb Karl Janke, herausgegeben wurde der Katalog von Gisela Vetter-Liebenow. Er ist für 27,90 Euro im Museumsshop erhältlich.