Zum Glück hat das nicht geklappt. Andreas Aguilar wollte eigentlich Fußballspieler werden. Als Schüler trainierte er auch schon bei Hannover 96, kam dann aber zum TKH, wo man entdeckte, dass sein eigentliches Talent nicht darin bestand, trickreich gegen einen Lederball zu treten. In dem  14-Jährigen schlummerte ein Leistungsturner. Ihm fielen Übungen leicht, für die andere lange trainieren mussten: „Ich lernte schnell, wenn ich Turnern zuschaute, die viel besser waren als ich.“

In solchen Einschätzungen spielt eine gute Portion Bescheidenheit mit, wenn Aguilar von den Anfängen seiner Sportlerkarriere berichtet. Danach wären ihm die Erfolge eher zugeflogen. Dann erzählt er aber auch von beinhartem Training, von Ermüdungsbrüchen und Sehnenrissen. Er muss wohl mit einigem Ehrgeiz, mit Zähigkeit und Erfolgswillen ausgestattet sein, sonst wäre der Sohn eines philippinischen Kunstmalers und einer deutschen Mutter in den 1980er Jahren sicher nicht der beste deutsche Turner geworden. Jedenfalls der Beste in der Bundesrepublik. Die Turner der DDR waren damals eine Weltmacht und beherrschten gemeinsam mit den sowjetischen Sportlern die internationalen Meisterschaften. An seinem Lieblingsgerät, den Ringen, holte sich Aguilar 1989 zwar bei den Europameisterschaften schon die Bronzemedaille. Es war dennoch eine Sensation, als er im gleichen Jahr in Stuttgart Weltmeister wurde – mit der Winzigkeit von 13tausendstel Punkten vor seinem DDR-Konkurrenten Andreas Wecker.

Was danach kam, ist wieder so eine typische Aguilar-Geschichte. Er tat etwas, das andere nie tun würden. Aguilar schrieb Wecker einen Brief, in dem er bedauerte, dass die Kampfrichter nicht ihnen beiden 9,875 Punkte gegeben hätten. Sie hätten doch gemeinsam den Titel verdient gehabt. Wenige Tage später musste der Brief aus Hannover für eine Schlagzeile in der DDR-Zeitung „Neues Deutschland“ herhalten. „Aguilar entschuldigt sich bei Andreas Wecker“ war da zu lesen. Nach dem Mauerfall feierten die beiden Turner in Hannover zusammen Silvester und Wecker erzählte, dass er den Brief erst Tage nach der Veröffentlichung bekam. Geöffnet natürlich. Die Staatssicherheit hatte das Schreiben abgefangen und für einen Propaganda-Coup genutzt.

1990 beendete Andreas Aguilar seine Laufbahn. Er war Weltmeister geworden, aber eine olympische Medaille war ihm nicht vergönnt. Immer wieder haben ihn in seiner Karriere Verletzungen zurückgeworfen. Wegen eines Kahnbeinbruchs verpasste er die Spiele 1984 in Los Angels, vier Jahre später in Seoul war er immerhin dabei und scheiterte nur knapp vor dem Endkampf. Vielleicht auch, weil ihm nur wenige Wochen zuvor die Bizepssehne gerissen war, und er nur mit einem Kraftakt noch rechtzeitig ins Training zurückkehren konnte.

„Olympia“, sagt er heute, „ist für einen Sportler immer noch das Größte.“ Größer als die Weltmeisterschaft. Obwohl ihm der Titel – indirekt jedenfalls – zu einem kräftig Schub für die Karriere nach dem Sportlerleben verhalf.  Er  war zumindest der Grund für eine Einladung ins Sportstudio des ZDF, wo Aguilar von seinem Grafikdesign-Studium erzählte. Das verschaffte ihm dann die ersten Aufträge.

Der Turner ist dabei geblieben. Er hat sich eine Werbeagentur aufgebaut und hat gemeinsam mit dem Fotografen Volker Minkus die „AM-Video“ gegründet. Das junge Unternehmen dreht viel für den Deutschen Turnerbund und natürlich für das Feuerwerk der Turnkunst, Europas größte, notorisch ausverkaufte Turnshow. Deren künstlerische Leiterin ist übrigens seit nunmehr fast 30 Jahren Ehefrau Heidi Aguilar.

Alles, was mit Bewegung, mit Turnen und Tanz zu tun hat, ist Andreas Aguilar wohl irgendwie in die Wiege gelegt. Früher als Leistungsturner, heute als Filmemacher. Einige seiner Produktionen sind unter https://vimeo.com/amvideo

und   https://www.youtube.com/user/aggn62

im Netz zu finden. Darunter ein wunderschöner Fünfminuten-Film vom Kleinen Fest im Großen Garten.

Eigentlich hat sich dieser Andreas Aguilar von seiner Welt immer schon „ein Bild gemacht“. Heute kreiert er diese Bilder mit der Kamera, früher hat er sie manchmal mit dem Stift skizziert. Auf seinem Rechner liegt noch eine Zeichnung vom Bewegungsablauf eines doppelten Salto rückwärts auf die Oberarme. Geturnt zwischen den Holmen eines Barrens. Als Aguilar diesen Rückwärtssalto für den Wettkampf trainieren wollte, hat er sie erst einmal aufgezeichnet – Phase für Phase – bevor er sich damit ans Gerät wagte. „Dann war die Übung in meinem Kopf und dann konnte ich sie auch turnen.“ Es ist ein Stück Lebensphilosophie des heute 54-Jährigen. Kopfsache – das ist so ein Wort, das er gern benutzt. Auch Turnen war für ihn immer schon eine Frage des Kopfes, nicht der Kraft. „Ich habe keinen Kreuzhang geturnt, ich war ein Kreuzhang.“