Der Sohn wuschelt dem Papa durchs Haar. Es ist ein Sekundenbruchteil, den der Fotograf Micha Neugebauer in ein Bild bannt. Und doch wird da diese ganze Bandbreite an Gefühlen deutlich. Zärtlichkeit, Liebe, Verbundenheit und Witz: Die beiden haben offensichtlich Spaß miteinander. Dieses Bild entstammt seinem Projekt „Jungs.“, in dem er Vertreter der männlichen Spezies in allen Altersstufen und Lebenslagen in Szene setzt.

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Wow, denkt man sich beim Betrachten, ob sich genau dieser Typ mit dem Bart darüber im Klaren ist, wie sexy er ist? Und ob die Lehrer mit diesem Feuer, diesem überschäumenden Temperament dieses kleinen Jungen tatsächlich umgehen können? Hat dieser gut gebaute Mann tatsächlich ein Fahrrad auf den Rücken tätowiert? Micha Neugebauers Jungs sind alles: feinfühlig und derb, erotisch und aggressiv, wütend und verliebt, zärtlich und energisch. Er zeigt die Bandbreite des Mannseins mit sieben Jahren oder mit siebzig. Mitten im Leben oder am Rand. Irgendwie verliebt man sich in diese Jungs. Und vielleicht ist das Neugebauers größtes künstlerisches Geheimnis. Die Liebe zu den Menschen, die Achtung vor ihrem Leben, vor ihren Erfahrungen, ihrer Freude, ihrem Schmerz.

Micha Neugebauer hat nicht nur den Blick für die Schönheit, er erspürt sie. Er lockt Dinge aus den Menschen heraus, denen sie sich oft selbst nicht bewusst sind. Er erhascht sie, diese magischen Momente des Innehaltens, der Verletzlichkeit. Momente großer Ehrlichkeit und emotionaler Tiefe. Es ist, als ob er den Menschen mit seiner Kamera durch die Linse direkt in die Seele schaut. Er „knackt“ sogar diejenigen, die sich genieren, sich nicht gern zur Schau stellen, denen so viel Aufmerksamkeit nicht geheuer ist. Vor seiner Linse kann man sich ruhigen Gewissens entspannen.

Das sieht man auch den Protagonisten seiner Serie „Tisch Sechs“ an. Allesamt Porträts von Schauspielerinnen und Schauspielern, die im Theatermuseum in Hannover ausgestellt wurden. „In der Zeit war ich täglich Gast in der Kaffeebar Rossi in Limmer, nicht nur, weil sie dort den besten Kakao in der Stadt machen, sondern auch und vor allem, weil es dort diese schöne natürliche Lichtsituation gibt, die ich sehr schätze.“ Neugebauer hatte damals den Auftrag, Schauspieler zu porträtieren und sogenannte Mimikstudien zu erstellen. Als Kulisse diente ihm der namensgebende Tisch sechs, der an der schönsten Position im ganzen Café stand. „Ich habe mich hier mit den Schauspielern getroffen, der Tisch sechs wurde zu ihrer Bühne. Wir kamen ins Gespräch und im Grunde war es jedes Mal eine kleine private Vorführung nur für mich, in der ich die Fotos machen konnte.“

Micha Neugebauer arbeitet an allem, was ihn bewegt oder neugierig macht. Er mag es nicht, Schubladen zu bedienen oder bloße Kategorien oder Klischees abzulichten. Vielmehr möchte er den Blick lenken auf Bemerkenswertes, auf einen neuen Blickwinkel, auf eine ungewöhnliche Perspektive. So sind zum Beispiel Arbeiten wie das Portrait der Sin City Amerikas, Las Vegas, entstanden, in dem er mit den Themen Licht und Schatten spielt.

Neugebauer: „Fotografie ist der Schlüssel zu Türen und Themen, die mir im Leben verschlossen geblieben wären, wenn ich einen anderen Weg
gegangen wäre. Alles ist in Bewegung, ob ich dokumentarisch arbeite, ein Portrait mache oder auf die Dunkelheit warte, um darin das Licht zu erkennen. Es ist eine bedingungslose Wechselwirkung, die Kreativität fördert und mich als Medium zwischen Kamera und Wirklichkeit heraus fordert. Da in mir viel Ruhe und Melancholie wohnt, überträgt sich dies auch immer ein bisschen auf meine Bilder.“

Der 47-Jährige liebt die Bewegung. Er fährt im Deister Rad, läuft und schwimmt regelmäßig oder macht Yoga. „Vor ein paar Jahren war ich auf der Suche nach einer neuen Herausforderung. Ich wollte mich der dokumentarischen Arbeit widmen und die Bereiche Leistungssport, Sportentwicklung und Olympische Spiele haben mich schon immer fasziniert. Ich habe nach Athleten gesucht, die Lust hatten, sich über einen längeren Zeitraum von mir mit der Kamera begleiten zu lassen. Eines Tages lernte ich im Kraftraum des Olympiastützpunktes Niedersachsens hier in Hannover Dimitri Peters kennen. Ich begleite ihn inzwischen mehrere Jahre und entstanden ist das Projekt „DIMA – Ein Leben für den Leistungssport.“ Aus der intensiven Zusammenarbeit ist inzwischen eine echte Freundschaft geworden.“ Die Gespräche mit möglichen Sponsoren laufen auf Hochtouren, damit die Bilder dieser 6-Jährigen Langzeitstudie der Öffentlichkeit gezeigt werden können. „Ich mag das dokumentarische Arbeiten, es ist eine völlig andere Herangehensweise, als bei meinen anderen Projekten. Ich bin ein stiller Beobachter, werde Teil des Ganzen. Im besten Falle werde ich unsichtbar, damit scheinbar unbeobachtete Bilder entstehen können“, erzählt der Fotograf.

Micha Neugebauer ist der Mann fürs Feine, für die Zwischentöne, die zarten Linien in den Gesichtern. Ob digital oder analog, er beherrscht sein Handwerk. Manchmal merkt man erst nach einiger Zeit, dass sich seine Bilder in die Seele eingeschlichen haben und dort ihren Platz haben. Die wunderbar schöne Frau, die sich auf dem Sofa räkelt, der Mann mit Hut, der lässig in einem großen Fensterrahmen hockt oder der alte Mann, der wie zum Abschied in die Kamera winkt. Ein leiser Gruß, tatsächlich das letzte Foto von ihm. Micha Neugebauers Fotos sind einfach große, feinfühlige, ergreifende Kunst.

Infos und Kontaktdaten über Micha Neugebauer unter www.michaneugebauer.com