Ayda Iciok ist eine zierliche Schönheit und sie hat einen Traum. Nein. Viele Träume und ebenso viele Projekte. Mal dreht sich alles um Frauen, um starke Frauen; mal um Integration, um gelungene Integration. Und immer geht es um Musik. Kein Wunder, denn die 32-jährige Deutsch-Türkin ist von Beruf Sängerin. Mit ihrer Band Shanaya  hat sie eine Mischung aus deutschem Pop und  orientalischer Barmusik kreiiert. Ein Mix, den sie  Migranten-Pop oder  „Miga-Pop“ nennt. Aber weil sie sich nicht nur als Sängerin, sondern auch als Botschafterin einer bunten Welt versteht, ist sie vor allem eine Netzwerkerin. Als sie vor zwei, drei Jahren erstmals für ihre Projekte in Hannover Mitstreiter und Förderer suchte, kannte sie niemanden. „Heute kenne ich alle“, sagt Ayda Iciok. Man glaubt es ihr. Sie weiß, wie man sich durchsetzt und andere überzeugt.

Sie hat es wohl im Elternhaus gelernt. Mit 19 Jahren war Aydas Mutter aus der Türkei nach Deutschland ausgewandert, um als Schichtarbeiterin in einer Fabrik Geld zu verdienen. In Hannover lernte sie ihren Ehemann, einen türkischen Botanik-Dozenten kennen. Als Ayda vier Jahre alt war, ließen sich ihre Eltern scheiden. Beide Töchter blieben bei der Mutter, die sich durchkämpfte, Deutsch lernte und es bis zur Hausdame in einem der führenden Hotels in Hannover brachte. Ihre Mutter sei noch heute ihr großes Vorbild, erzählt Ayda.

Von ihrem Vater, einem liberalen Aleviten, hat sie das Künstlerische geerbt. Ayda träumte bereits als junges Mädchen von einer Bühnenkarriere. Bei einer  Hochschuldozentin nahm sie Gesangsunterricht und arbeitete viele Jahre als Sängerin für Unternehmen, sang in Imagefilmen oder auf Firmenveranstaltungen. Vor zwei Jahren gründete sie mit fünf Freunden ihre eigene Band namens Shanaya, die regelmäßig in Klubs und auf Veranstaltungen auftritt.

Sie sei als Deutsch-Türkin integriert, sagt sie. Dennoch lebe sie wie viele andere türkische Migranten in einer Parallelgesellschaft mit ihrer  eigenen Musik, ihrer eigenen Mode und Kultur. Shanaya will das ändern, mit jener Mischung aus deutschen, selbstverfassten Texten und orientalischen Klängen – ohne in der Nische der Weltmusik zu landen. 2015 bewarb sich die Band mit ihrem Lied „Kai“ um die Teilnahme am Eurovision Song Contest; scheiterte jedoch in einer der Vorrunden.

Dafür gelang Ayda vieles andere. Als Hannover 2014 von der Unesco den Titel „City of Music“ verliehen bekam, schrieb sie den Song  „Rot Gelb Grün Blau“.  Sie fand Geldgeber im Rathaus, bei der Stiftung Niedersachsen, dem Staatstheater und bei hannoverschen Firmen. Und sie überzeugte  mehr als 40 Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Kirche und Kultur, bei dem vierminütigen, mit einigem Aufwand gedrehten Musikvideo mitzuspielen. Sie alle, von  Bundestags-Vize Edelgard Bulmahn über Unternehmerin Tina Voss bis zum Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, Michael Fürst und dem Kabarettisten Matthias Brodowy, lächeln nun einen kurzen Moment lang in die Kamera, während Ayda, begleitet von schmachtender Geige, Cello, Saxophon und Klavier, von einer bunten Welt singt und mal mit grünen, mal mit roten oder blauen Schleier die Rathaustreppe herabschwebt.  Am Ende steigen bunte Luftballons in den Himmel über dem Kröpcke.

Auch für ihr neues Musikvideo hat Ayda prominente Unterstützer gefunden. Für den Frauensong „Ich gehe meinen Weg“ schlüpften ein Dutzend Frauen, darunter Politikerinnen und Gewerkschafterinnen, in weite weiße Gewänder. Sie trommeln und tanzen um Ayda herum, als gehöre der bauchschwingende Schleiertanz zu ihrer täglichen Morgengymnastik. Finanziert wurde das Video unter anderem von der IG BCE. Es könnte passieren, dass es demnächst sogar eine Neuauflage mit bundesweiter Prominenz gibt.

Und dann wäre da noch die Sache mit den Jugendlichen. Seit ein paar Monaten gibt Ayda einmal in der Woche türkischen und kurdischen Jugendlichen Musikunterricht, sozusagen Nachhilfe in Mig-Pop.  Den Platz in dem Kurs konnte man sich im Frühjahr bei einem Casting ersingen oder erspielen. Schirmherrin des Integrationsprojekts ist die niedersächsische Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe,  Doris Schröder-Köpf. Das Geld kommt von der Klosterkammer und der Lotto-Sport-Stiftung.

Aydas größter Fan ist übrigens erst elf Jahre alt. Es ist ihre Tochter Dilara, die später vielleicht mal Reporterin werden will. Sie hat schon einige Interviews für Radio Leinehertz gemacht, wo ihre  Mutter einmal im Monat eine einstündige Musiksendung moderiert. Dilara könnte aber auch Schauspielerin werden. Im Musikvideo ihrer Mutter tanzt sie wie eine Elfe mit Blumenkranz im Haar durchs Bild. Schon 2013 wurde sie vom Komitee Hannoverscher Karneval zur Kinderprinzessin gekürt. Ein Jahr lang reiste sie von Verein zu Verein, von Bühne zu Bühne. Es ist zwar nicht so, dass sie die Zeit vermisst, aber sie hat viel gelernt – wenn Mutter und Tochter gemeinsam vor der Kamera posieren, hat man manchmal den Eindruck, als sei die Jüngere die weitaus Erfahrenere.