Hannover wird unterschätzt. Es soll Leute geben, die meinen, nur in Berlin lohne sich ein Blick in Hinterhöfe. Welch ein Irrtum! Wer zum Beispiel bei Familie Kufferath in Kleefeld vorbeischaut, kommt aus dem Staunen nicht raus. Ihr Gartenhaus im Hinterhof wirkt wie 23ein Bilderbuchzuhause, gemalt in hellen, fröhlichen Farben. Es gibt ein Baumhaus im Schatten des Kirschbaums und einen Sandkasten für die beiden Kinder; hinter der efeubewachsenen mannshohen Mauer zum Nachbarn gackern die Hühner und an der Zeder lehnt eine Leiter, auf der man hochklettern und den Vögeln ins Nest schauen kann. Von der kleinen Terrasse blickt man durch eine Glasfront in ein großzügiges Musikzimmer mit Bücherregal, Notenständer und Steinway-Flügel. Die Musik gehört zum Leben der Kufferaths wie die tägliche Mahlzeit. Auch deshalb haben sie diesen Hinterhof ausgewählt. Niemand fühlt sich gestört, wenn in dem gut isolierten Anbau des gelben Gartenhauses musiziert wird, weder die Nachbarn im Vorderhaus, noch die in den Häusern nebenan.

Sollten dennoch mal Töne über Zaun und Mauer nach draußen dringen, dürften nur Kunstbanausen die Nase rümpfen. Elisabeth Kufferath ist eine berühmte Geigerin, die bereits in vielen großen Konzerthallen dieser Welt aufgetreten ist – entweder als Solistin oder als Mitglied des „Tetzlaff Quartetts“, ein Streichquartett, das bei Kennern im Ruf steht, eins der „faszinierendsten Kammermusikensembles“  weltweit zu sein. Sie selbst würde es wohl vorsichtiger formulieren, bescheidener. So in der Art: „Ich bin nur das Medium der Komponisten.“ Aber sie weiß, was sie kann. Und die Familie kann.

Ihr Ehemann Stephen Perry, ein Amerikaner, ist Pianist. Sohn Perry, elf Jahre, spielt Klavier und Cembalo; Tochter Mariella, acht Jahre, hat gerade die Geige gegen das Cello eingetauscht. Beide singen im renommierten Knaben- und Mädchenchor Hannover.

Kennt man die Ahnengalerie der Kufferaths, ahnt man, warum in dieser Familie Bürojobs eher unbeliebt sind.  Elisabeth Kufferaths Vater war Dirigent in Hamburg, die Mutter eine ausgebildete Sängerin. Schon der Urgroßvater Wilhelm mütterlicherseits war ein berühmter Solochellist, der einst mit Brahms in Oldenburg konzertierte. Eine Berufung? „In meiner Familie war es ganz natürlich Musiker zu werden“, sagt die 47-jährige Urenkelin.

Mit sieben Jahren begann sie Geige zu spielen, nicht zuletzt, um dem verhaßten Klavierunterricht zu entgehen. Als sie eine Aufnahme vom Violinkonzert von Mendelssohn hörte, spürte sie erstmals jenes Feuer, das man wohl braucht, um sich einem Instrument so zu verschreiben, wie sie es tat. Ihr Geigenlehrer, ein russischer Jude aus Odessa, verstand es, das Feuer stärker zu entfachen. Als sie das erste Mal zu ihm kam, musste sie ihm ihre Hände zeigen. „Er schaute sie an und sagte nur: Komm` nächste Woche zum Unterricht.“ Sie habe ihm viel zu verdanken, sagt sie. „Er hat meine Liebe zur Musik wachgekitzelt.“

Elisabeth Kufferath unterrichtet heute selbst. Fünf Jahre lang war sie Professorin für Violine an der Musikhochschule Detmold. Vor acht Jahren, Tochter Mariella war gerade geboren, erhielt sie einen Ruf an die hiesige Hochschule für Musik, Theater und Medien – ebenfalls als Professorin für Violine. Wenn sie die Begabung ihrer Schüler testen will, schaut sie nicht wie ihr früherer Lehrer als erstes auf die Hände, sondern prüft das Gehör. Wichtig sei, wie gut einer nachsingen kann, sagt sie. Ebenso wichtig: musikalische Sensibilität. Sie ist überzeugt, wer andere berühren wolle, müsse die Fähigkeit besitzen, sich selbst durch Musik  berühren zu lassen.

Für den Wechsel nach Hannover haben sie sich  damals Zeit genommen. Wochenlang waren sie auf Wohnungssuche, erst in der List. Am Ende machte  Kleefeld das Rennen. Der Umbau des Hauses durch zwei Architekten aus Detmold dauerte Monate. Sie liebe den Stadtteil, sagt Elisabeth Kufferath. Sie mag es, auf dem Fahrrad quer durch die Eilenriede zur Hochschule zu radeln. Ein Auto besitzt die Familie aus Prinzip nicht. Und auch mit der Kitaplatz-Suche hatte sie Glück. Bereits in den ersten Tagen hatte sich das Problem erledigt. Sie hat damals bei einem Spaziergang an die Tür der „Kleefelder Knirpse“ geklopft  und nachgefragt. Eine Stunde später hatte sie zwei Plätze.

Demnächst wird Elisabeth Kufferath wieder auf Reisen gehen und das beschauliche Gartenhaus gegen die Hochglanz-Welt der klassischen Musik eintauschen. In Neuseeland wartet ein Konzert und ein international besetzter Meisterkurs auf sie. Anschließend geht es nach Amerika, der Heimat ihres Mannes, wo sie mit den Kindern die Herbstferien in ihrem Sommerhaus verbringen werden. Danach eine Quartett-Tournee nach Amsterdam, Bath, Leipzig und Bern. Kurz darauf steht sie in Hamburg, ihrer Geburtsstadt, bei einem Geburtstagskonzert für den  Komponisten Jan Müller-Wieland auf der Bühne. Wenn sie nicht Geige spielt, spielt sie Bratsche. Die Bratsche ist speziell für sie gebaut worden; von einem der besten Geigenbauer in Deutschland.

Werden auch Perry und Mariella eines Tages auf der Bühne stehen und jene Erfüllung spüren, die ihre Mutter in „Sternstundenkonzerten“ erlebt? Elisabeth Kufferath ist sich da nicht so sicher. Mariella liebt Sprachen. Momentan lernt sie gerade Französisch. Der Sohn interessiert sich brennend für das Innere von Dieselmotoren und für Flugzeuge. An der Wand im Esszimmer klebt ein selbstgebastelter Flieger aus Pappmache.  Astronauten gab es bislang noch nicht in der Familie Kufferath. Wer weiß.