Deister. Einer schaut deprimiert, ein anderer irgendwie verschmitzt, ein anderer hält lässig eine Zigarette zwischen den Zähnen: Die Totenköpfe haben von ihrer Position auf einem Bord einen guten Überblick über die tausend kleinen Dinge, die Sebastian Krüger in seinem Atelier gesammelt hat.

Dazu gehört eine Pippi-Langstrumpf-Postkarte neben einer Pocahonta-Figur, Marilyn Monroe in kleinem Starschnittformat steht in einer Ecke, daneben steht eine Pinwand mit vielen Fotos, die an private und öffentliche Erlebnisse des Künstlers erinnern. Darunter einige mit privaten Aufnahmen der Rolling Stones.

Sebastian Krüger, groß, schwarzes Hemd, schwarze Hose, Brille, haarloses Haupt, steht an der Leinwand.Wenn die Totenköpfe auf dem Bord sich ein bisschen drehen könnten, würden sie direkt in Clint Eastwoods leicht zusammengekniffene Augen schauen. Halstuch, Cowboyhut, Dreitagesbart, Zigarre im linken Mundwinkel. Er sieht sehr lebendig aus und sehr jung. „Eigentlich ist es ein Zigarillo“, erklärt Sebastian Krüger. „Aber ich versuche immer, möglichst von dem Foto weg zu kommen.“ Der 54-Jährige ist bekannt geworden mit Porträts. Allerdings nicht mit naturgetreuen wie diesem. Sondern mit Karikaturen der Rolling Stones. Mick Jaggers aufgerissener großer Mund mit den vollen Lippen, der das Gesicht komplett dominiert, ist nur eines der vielen populären Bilder des aus Hameln stammenden Künstlers. „Ich habe schon mit drei Jahren angefangen zu kritzeln und mich dann später immer sehr geärgert, wenn mir etwas nicht sofort gelang“, erinnert sich Sebastian Krüger und ein kleines Lächeln huscht über sein Gesicht. „Es lag früh fest, dass ich Maler werden wollte,“ erzählt der Sohn eines Architekten und einer Buchhändlerin. „Es lag in der Familie. Mein Vater nahm mich früh in Disney-Filme mit und von meiner Oma bekam ich die ersten Stifte“, berichtet Sebastian Krüger weiter, während er ein bisschen Ocker auf den Hut von Clint Eastwood tupft.

Zu der Zeit ist es noch ist ein weiter Weg zu den Stones, musikalisch wie zeichnerisch.„Ich habe in der Grundschule angefangen, Donald Duck zu zeichnen und mir später auf Schützenfesten mit Schnellzeichen etwas dazu verdient.“ Der Pinsel verharrt in der Luft. „Allerdings wurde mein Talent auch ganz schön ausgenutzt, ich musste zu jedem Familienfest Karten zeichnen. Da habe ich irgendwann Nein gesagt“ – der Pinsel taucht in ein helles Braun und landet einen Zentimeter neben dem ockerfarbenen Strich auf Eastwoods Hut. Zuhause darf der junge Sebastian nur Abba und Beatles hören. „Ich hörte lieber Ramones, Iggy Pop, die Sex Pistols und die Stones.“ Die vier Musiker aus England sollen ihn später bekannt machen, aber das weiß er da noch nicht. Er fängt an, in Braunschweig Kunst zu studieren. Und eckt in der Kunstszene an. „Mein Schwerpunkt ist die Figur und Porträts waren damals in der Achtzigern geradezu obszön, so was malte man nicht“, erinnert er sich, grinst und legt den Pinsel weg. „Ich habe mich dann an Farbe versucht“, sagt er in leicht manieriertem Tonfall und guckt für einen kurzen Augenblick sehr professorenhaft auf sein Gegenüber herunter. Der nächste Satz straft die kleine Einlage Lügen: „Meisterschüler zu sein hat viel mit Arschkriecherei zu tun“, ergänzt Sebastian Krüger und wieder blitzt das kleine Lächeln auf, diesesmal hat es etwas diabolisches.

(Die Totenköpfe freuts bestimmt). Der Blick fällt auf den Schreibtisch gegenüber der Leinwand. Hier macht Sebastian Krüger Vorzeichnungen. Aktuell sind es prominente Frauen, die er für einen Sammler in Acryl malt. „Ich habe das Glück, dass ich zu den zwei Prozent gehöre, die von ihrer Kunst leben können“, meint er ernst. Und zieht unter einem Stapel Bildbände einen grünen Zettel hervor, der in einer Klarsichtfolie steckt. „Das hat mir Keith geschrieben.“ Da steht: „Good pencil!“ („Guter Strich!“) Ein Kompliment von Keith Richards, der Mann mit dem Gesicht, das an eine Landschaft mit tektonischen Verwerfungen erinnert. Jede Falte ein intensiv gelebtes Jahr. Sebastian Krüger, der Maler und Fan, hat sein Idol auf vier Quadratmetern Leinwand gebannt, eine Kopie des Bildes hängt in dem Wohnbereich des ausgebauten alten Forsthauses im Deister. Beim Gang ins Atelier kommt man an dem Bild vorbei. Nur Keith Gesicht, Stirnband inklusive. Schwer verlebter und dabei hoch konzentriert wirkender Blick.Klar, der Mann schaut auf seine Gitarre und spielt bestimmt gerade einen Lieblingsriff. „Keith war mein Vorbild, er war der mit dem Messer im Stiefel“, erzählt Sebastian Krüger   „Ich bin mit meinem damaligen Agenten zu dem Agenten der Stones gefahren, da malte ich sie schon länger für den Stern. Und der wollte gar nichts von mir und meinen Bildern wissen. Zufällig war der Roadie von Keith im Raum, der sagte, ich treffe Keith gleich, gib mal Deine Sachen her.“ Der Traum jedes Fans wurde für den Künstler wahr: Keith schrieb den grünen Zettel und lud den Deutschen mit den frechen Bildern backstage ein. „Unglaublich! Ich dachte, kneif mich mal einer. Und er zeigte mir sogar seine Totenkopfsocken!“ Es war schließlich Stones-Gitarrist Ronnie Wood, der Sebastian Krüger in den USA bekannt machte. „Ronnie malt selbst und stellt aus. Und er hat die Galerien in den USA für förmlich für mich eingetreten. Wenn ich hier ausstelle, dann nur mit Sebastian zusammen`, sagte er. Und so kam´s.“ In den USA gibt es diesen Begriff, „krugerized“. „Das bedeutet, keine richtige Karikatur, sondern eine Verfremdung des Porträts“, erklärt der Maler. Eines ist tatsächlich nicht nur verfremdet, sondern auch sehr befremdend: Ein Mann sitzt am Fenster und schaut versonnen zum Fenster hinaus. Er hat schwarze Haare, Seitenscheitel und einen kleinen exakten Schnurrbart. Der Daumen seiner rechten Hand steckt in seinem Mund. „Ich habe fünf Wochen gebraucht, um Adolf Hitler zu erfassen. Karikatur? Ging nicht, zu platt, zu banal. Also habe ich vor dem Spiegel geübt, wie man die Hand hält, wenn man am Daumen lutscht. Vorm Spiegel.“ Ein Skandal? „Mich hat ein Historiker gefragt, wie ich das wissen konnte, dass Hitler lange am Daumen gelutscht hat – ich wusste es nicht!“ Das Original hängt bei einem guten Freund – er selbst trennt sich meistens leichten Herzens von seinen Bildern. „Nur den Keith habe ich mir kopiert.“ Und über seinem Schreibtisch im Atelier steht der einzig echte Schädel. „Das ist Frau Meier.“ Daneben schaut Pablo Picasso mit schwarzen brennenden Augen auf das Schaffen von Sebastian Krüger. „Er überwacht meine Arbeit!“ Die Totenschädel auf dem Bord scheinen zustimmend zu blinzeln.