Die Scala liegt in Mailand, die Carnegie Hall in New York, der Konservatoriumssaal in Moskau und die Philharmonie in Berlin – Tanja Dorn kennt sie alle, nicht nur von Fotos. Wenn der Tag gut läuft, sehr gut, bucht sie einen dieser berühmten Konzertsäle für eine „ihrer“ Künstlerinnen, für die Dirigentin, die in Mexiko aufwuchs, die junge Pianistin aus China, oder den Pianisten mit  polnisch-kanadischen Wurzeln. Tanja Dorn arbeitet übrigens in Kleefeld, neben einem schmucklosen Computerladen, gegenüber von der Praxis der Hals-Nasen-Ohren Ärztin, oben im fünften Stock mit Blick auf die Dächer des Philosophenviertels. Am 4. Januar, vor gerade einmal neun Monaten, hat sie dort  auf zwei Etagen ihre Künstleragentur „Dorn Music“ gegründet. Gut ein Dutzend internationale Musiker und Dirigenten managt die 41-Jährige von Hannover aus. Etwa 30 Künstler oder junge Menschen, die es werden wollen, fragen täglich per Mail an und wollen ebenfalls von ihr „betreut“ werden. „Tanja Dorn Office“ hat in der Szene weltweit einen Namen. Wie es kommt? Kurz gesagt: Vor Kleefeld gab es New York.

Eigentlich hat alles in Berlin begonnen. Dort studierte Tanja Dorn, eine gebürtige Mainzerin, in den neunziger Jahren Klavier an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ und entdeckte ihre Lust, Leute zusammenzubringen – manche nennen das heute „netzwerken“. Sie gründete die erste Studenten-Konzertagentur, initiierte für die Hochschule in Zusammenarbeit mit dem Wirtschaftsministerium Fundraising-Konzerte und gab, ganz nebenbei, ihr Debüt als Konzertpianistin im Konzertsaal der Berliner Philharmonie. 2003 zog sie „ruckartig“ nach New York um – aus Liebe. Sie folgte ihrem Mann, einem Mediziner, der in der Krebsforschung arbeitet.

Wer Tanja Dorn erlebt, ahnt, dass sie nicht die Frau ist, die ohne Herausforderungen leben kann. Kaum in Amerika angekommen, organisiert sie als künstlerische Leiterin im renommierten „Klavierhaus“ Konzertveranstaltungen; ein paar Jahre später wechselt sie zur berühmten Künstleragentur Columbia Artists Management Inc., wo sie bereits nach sechs Wochen ins Management aufsteigt. Sie lernt viele große Künstler kennen, darunter die Geigerin Anne Sophie Mutter. 2006 gründet sie zum ersten Mal eine eigene Agentur, bevor sie 2007 zur Vizepräsidentin von IMG Artists ernannt wird.

Ein Aufstieg, wie er im Buche steht. Und doch ist nichts geplant. „Das eine ergab sich aus dem anderen, fast spielerisch“, sagt sie. Sie folgte ihren Interessen und irgendwann wusste sie, was sie künftig sein wollte: Statt Konzertpianistin Managerin, ein Beruf, in den man hineinwächst und nicht erlernt. Statt selbst einsam auf der Bühne zu stehen, wollte sie lieber andere auf die Bühne bringen und Karrieren kreieren. Es half, dass sie gleichzeitig vom Fach war. Als ihr Mann eine Stelle an der Medizinischen Hochschule Hannover übernahm,  kehrten die Dorns nach Deutschland zurück – mitsamt den Zwillingen, dem Stolz der Eltern.

Hannover sei nun der „sichere Hafen“, sagt sie. „Ein Ruhepunkt“ in einem umtriebigen Geschäft, das sie immer wieder an weit entfernte Orte führt, um Konzerte vorzubereiten oder sich mit „ihren“ Künstlern zu treffen. Vor 20 Jahren wäre das Ganze noch aufwendiger gewesen. Heute ist es weitgehend problemlos, ständig in Kontakt zu bleiben, egal ob von Kleefeld oder von Sidney aus – per WhatsApp, Mail oder Telefon. Drei Mitarbeiterinnen gehören mittlerweile zum Team und kümmern sich um die Dinge, die auch zum Agenturalltag gehört: Visa beantragen, Rechnungen schreiben, Buchhaltung führen, Veranstalter anrufen, Mails lesen.

Bleibt die Frage, wie man überhaupt ein Image kreiert? Fachfrau Dorn setzt als erstes auf ein ehrliches Gespräch über die Qualitäten des Künstlers. Danach geht es um Fragen wie die Wahl des Fotografen, den Entwurf für einen Imagefilm und schließlich um eine Strategie für die nächsten Auftritte. Und ihre Rolle? Sie sei in dieser Beziehung nicht der  „Buddy“, also der Kumpel für gute und schlechte Stunden, sagt sie. Eher der Coach, der wie beim Tennis seinem Spieler schon mal erklärt, was er falsch macht und was er ändern sollte. Sagt sie, strahlt und zupft an ihrer Blume.

Apropos Image. Natürlich hat sich Tanja Dorn auch selbst eins erfunden. Zeitlose Stoffblüten sind ihr Erkennungszeichen. Die Origami-Blume wurde zum Firmenlogo und bei geschäftlichen Auftritten steckt eine weiße Blume am Revers des schwarzen Anzugs, dazu rote Pumps und rot geschminkte Lippen. Achtung Auftritt! Gelernt ist gelernt.