Lachen ist gesund. Wenn allerdings Gerhard Haderer eine grölende Männerrunde zeichnet, muss man fürchten, einige der abgebildeten Herren in grauen Anzügen und mit roten Clownsnasen rund um den Tisch würden gleich mit einem Herzinfarkt zu Boden gleiten. Die Münder sind weit aufgerissen, die Körper biegen und krümmen sich, Hände pressen sich auf dicke Bäuche oder krampfen sich ums halb gefüllte Weinglas. Hier geht es nicht um ein leises, schüchternes  „Haha, Hihi“, sondern um eine Lachorgie, die körperlicher Schwerstarbeit gleicht. Studien haben herausgefunden, dass mehr als 100 Muskeln beim Lachen bewegt werden; Gerhard Haderer hat – ganz unwissenschaftlich – den sichtbaren Beweis geliefert. Aber was war der Auslöser der unbändigen Heiterkeit, festgehalten in Öl auf einer zwei Meter langen Leinwand? Der Zuschauer darf raten und er ahnt, dass es, befördert vom Alkohol,  etwas hässliches gewesen sein muss. Zotige Beleidigungen oder die Dummheit der Welt, die noch an das Gute im Menschen glaubt.

Gerhard Haderer glaubt nicht daran. In einem Interview hat er sich einmal soziale Bildung als Pflichtschulfach gewünscht, weil die Menschen den Umgang miteinander verlernt hätten. Wer ist dieser Gerhard Haderer, den das Museum Wilhelm Busch bis Anfang Juli mit seiner Ausstellung „Think Big!“ vorstellt? Er sei ein „großer Scherzkeks“, der gern Menschen beobachte und nebenbei falle so etwas wie eine politische Äußerung ab, sagt er selbst über sich. Nicht ganz unwichtig: Er ist Österreicher und Österreichern muss die Schmäh, die unfreiwillige Komik, nicht erst beigebracht werden. Sie ist ein Wesenszug wie das trotzige „mir san mir“. Haderer ist zudem ein großartiger Zeichner, ein genialer Karikaturist, ein Satiriker. 25 Jahre lang hat er jede Woche unter anderem für den „Stern“ aktuelle politische Ereignisse mit Cartoons kommentiert, bevor er im vergangenen Jahr mit 65 Jahren die Zusammenarbeit beendete.

Rund 100 Werke, zumeist aus Haderers Privatbesitz, sind in Herrenhausen zu sehen. Darunter viele seiner in Acryltusche gemalten Cartoons, aber auch einige seiner großformatigen Ölgemälde, gemalt in der photorealistischen Anmutung Alter Meister, die erstmals in Deutschland zu sehen sind. Dazu gehört unter dem Titel  „Messias im Vatikan“ eine weitere Männerrunde; Kardinäle, die entgeistert zuschauen, wie Jesus höchstpersönlich in den heiligen Hallen dem Papst den Hintern versohlt.

Die Kirche gehört zu Haderers Lieblingsmotiven. 2002 sorgte sein Buch „Das Leben des Jesus“ mit Zeichnungen vom kiffenden und surfenden Jesus für einen veritablen Skandal. Aber auch die Eitelkeit  einer überdrehten Konsumgesellschaft ist ein häufig variiertes Thema. Er spießt den Jugendwahn bis ins hohe Alter auf, indem er einen betagten, faltigen Frauenkörper mit dem Mädchenkopf von Pipi Langstrumpf ziert. Ein Hai grinst in die Kamera auf dem Selfie-Stick, aufgemotzte Strizzis protzen mit dicken Uhren und schlanke Fußballstars konkurrieren um die trendigste Undercut-Frisur, gegeelte  Haartolle auf ausrasiertem Hinterkopf.  Eine  übergewichtige Urlauberin mit Sonnenbrille und überdimensionierten Strohhut fläzt sich auf einer Plastik-Badeinsel im Meer, während sich in ihrem Rücken Dutzende afrikanische Schwimmer nähern. „Erwarten wir Besuch?“ fragt ihr Begleiter. Auch die prominentesten Rechtspopulisten bekommen ihr Fett weg. Das Ausstellungsplakat zeigt Donald Trump, Boris Johnson und Geert Wilders mit ihren platinblonden Haaren, die wie mürrisch dreinblickende Vollpfosten im Meer stehen.

Haderers Menschen sind selten so ausgelassen wie die rotnasige Männergesellschaft. Es gibt auch die teilnahmslos dreinblickenden Zeitgenossen, die anstehen, um sich unter einem gelben Smiley eine zum Lächeln gebogene Stange abzuholen, die sie sich ins Gesicht hängen. Bitte lächeln! Ein weiteres Großformat zeigt eine sattgrüne Waldlichtung; hinten auf einer Bank sitzt Haderer selbst, vorn schlappt eine Frau mit Riesen-Sonnenbrille, Botex-Lippen,  einem zu Hasenohren gebundenen Kopftuch und Picknicktruhe  ins Bild  und schaut erstaunt-dröge den Betrachter an. Eine glückliche Spaziergängerin sieht anders aus.

Haderer versicherte anlässlich der Ausstellungseröffnung in Hannover, dass er trotz seines Rückzugs als „Stern“-Karikaturist nicht daran denke, den Stift aus der Hand zu legen und nun zahm und nett zu werden. Im Gegenteil. Seit Neuestem arbeitet er auch fürs Kabarett und ein satirisches Puppentheater. Ein paar der von ihm entworfenen Handpuppen sind ebenfalls in Hannover zu sehen. Außerdem hat er in seiner Heimatstadt Linz die politische Denkfabrik „Schule des Ungehorsams“ gegründet, um den bedingungslosen Gehorsam zu vertreiben. Leute sollen zusammenkommen, diskutieren und streiten. Politische Gedankenlosigkeit? Für Haderer ein Graus.